Tag 0: 10 – 9 – 8 – 7… bald geht’s los. 15 Tage auf dem Rad – warum nur?
„Hin und zurück“ eine Geschichte von… – okay, das ist eigentlich aus „Der Hobbit“, passt auch nicht ganz, aber naja. Irgendwie muss man den Einstieg ja finden.
Bisschen verrückt, habe ich mich entschieden, meiner Juni 2025 Radreise von Bielefeld an die Côte d’Argent nun ein Revival folgen zu lassen.
Die Herauforderung: aus 17 Tagen auf dem Rad werden 15 – die Projektsituation lässt nichts anderes zu. 💻
Dieses Mal steht daher mit im Schnitt 105 km pro Tag vor allem der sportliche Aspekt im Vordergrund und eine etwas angepasste Route, um den erhöhten Tageskilometern Rechnung tragen zu können.
Nach mehreren 1000 Kilometern auf meinem Rad bin ich zwischenzeitlich einigermaßen geübt. Vaseline für Popo & Co ist eingepackt, Gelriegel, Wasser und Proviant liegen bereit.
Mein Bike hat neue Bremsbelege bekommen, viel Pflege und sieht aus, als sei es grundüberholt worden, Ritzel und Kassette blitzen und blinken, alles ist fein geölt und wenn es nach meinem „Cubi“ ginge, könnte es sofort losgehen… ✨.
Warum tue ich mir das Ganze nochmal an?
Wie oben bereits geschrieben – zum einen steht der sportliche Aspekt im Vordergrund, zum anderen erhoffe ich mir besseres Wetter als im letzten Jahr, als ich bei sehr viel Regen und Gegenwind ziemlich beißen musste und dennoch jeden einzelnen Kilometer mehr als genossen habe. Die etwas erhöhte Kilometeranzahl pro Tag wird mich herausfordern, ich werde Tagesetappen zwischen 120 und 145 km haben, und das Tag für Tag, gute 2 Wochen.
Ich erinnere mich, dass mit zunehmender Zeit eine gewisse Tiefenmüdigkeit eintreten wird, die wiederum durch deutlichen Muskelaufbau in Waden und Oberschenkeln egalisiert werden wird.
Dennoch, spätestens hinter Paris werde ich vor Müdigkeit und Erschöpfung überall schlafen können – vielleicht auch wieder mit Sekundenschlaf auf dem Fahrrad… 😃
Als ich letztes Jahr von meinem Abenteuer berichtet hatte, habe ich relativ viele private Nachrichten von Leuten erhalten, die ebenfalls gerne einmal eine solche Tour machen wollen.
Macht es auf jeden Fall! Ihr werdet euch neu kennenlernen, der Blick auf eure Umwelt, eure Mitmenschen, auf euer Leben, wird sich verändern – und am Ende werdet ihr verstehen: Der Weg verändert uns mehr als das Ziel. 🚴♂️
Was mich auf dieser Tour erwartet? Keine Ahnung. Aber das ist ja das Schöne daran.
Die Route im Schnelldurchlauf – und was uns erwarten wird…
Vor uns liegen rund 1.542 Kilometer auf dem Fahrrad: von Ostwestfalen durch das westfälische Flachland und das Ruhrgebiet, weiter über die Niederlande und Belgien nach Nordfrankreich, durch den Großraum Paris, ins Loiretal, durchs Poitou und schließlich hinunter bis an die französische Atlantikküste an der Côte d’Argent.
Die Strecke ist dabei weit mehr als nur eine sportliche Linie auf der Karte, denn sie führt durch völlig unterschiedliche Landschaften und Kulturäume: vom industriell geprägten Westen Deutschlands über die stilleren Grenzregionen in Belgien bis hinein in jene französischen Regionen, in denen Geschichte, Landwirtschaft und alte Handelswege bis heute das Bild prägen.
Unterwegs wechseln sich ehemalige Industriestädte, mittelalterliche Altstädte, Flusslandschaften und berühmte Radkorridore ab — von den urbanen Räumen im Ruhrgebiet über die grüne Umgebung von Genk und den Nationalpark Hoge Kempen bis zu den historischen Städten rund um Paris, der Loire und Poitiers.
Je weiter wir nach Süden kommen, desto stärker verändert sich auch die Stimmung der Reise: Hinter Royan öffnet sich mit der Vélodyssée die große Atlantikroute mit Dünen, Seen, Pinienwäldern und langen Küstenabschnitten, bevor über Arcachon und die Küste der Landes schließlich das Ziel am Meer erreicht wird.
Diese Tour verbindet deshalb vieles auf einmal — Bewegung und Weite, Städte und Natur, europäische Geschichte und ganz persönliche Reiseerlebnisse — und genau das macht sie für mich zu mehr als nur einer Fahrradfahrt von A nach B.
Tag 1 (Bielefeld → Lünen | 100 km): Los geht’s – noch 1.550 km bis zum Ziel… 🧐
Gedanke des Tages: Auch das zweite Mal fühlt sich wie das erste Mal an
Wissenswertes zur heutigen Etappe
Bielefeld – Gütersloh – Rheda-Wiedenbrück – Oelde – Ahlen – Hamm – Lünen
Es beginnt. Die Pedale drehen sich zum ersten Mal in Richtung Atlantik — noch 1.542 Kilometer liegen vor mir, aber zunächst rollt Westfalen vorbei. Bielefeld, mit rund 340.000 Einwohnern die größte Stadt Ostwestfalens, hat eine skurrile Berühmtheit erlangt: die „Bielefeld-Verschwörung“, ein Internetwitz aus dem Jahr 1993, der behauptet, die Stadt existiere gar nicht. Wer heute von hier losfährt, weiß es besser.
Gütersloh ist Heimat von Bertelsmann, einem der weltgrößten Medienkonzerne — aus dieser beschaulichen Kleinstadt wird ein globales Medienimperium gesteuert. Rheda-Wiedenbrück verzaubert an der Ems mit dem barocken Wasserschloss Rheda, einem der besterhaltenen seiner Art in Westfalen. Weiter durch Oelde und Ahlen öffnet sich das westfälische Tiefland in seiner ganzen Weite und Stille — grüne Felder, Kirchturmspitzen am Horizont, kaum Verkehr.
Hamm kündigt den Übergang ins Ruhrgebiet an. Das Wahrzeichen der Stadt ist der „Glaselefant“ im Maxipark, ein riesiges Gewächshaus in Form eines Elefanten — ein ebenso skurriles wie liebenswertes Symbol des Strukturwandels. Lünen an der Lippe schließt die erste Etappe ab: Die Stadt atmet noch den Geist der Industriegeschichte, während die Lippelandschaft drumherum längst zum grünen Naherholungsgebiet geworden ist. Ein guter, flacher Auftakt für die erste von 15 Fahrtagen.
Heutige Impressionen und Erlebnisse
Es geht los – strahlend blauer Himmel, 18°, leichte Brise aus Nord-Ost, somit Rückenwind – 🛑- zurück in die Realität. 5°, leichter Nieselregen, grau in grau, eisiger Nordwind.
Okay, so hatte ich mir das nicht vorgestellt.
Schon im letzten Jahr bin ich von 17 Tagen auf dem Rad bestimmt an 12 Tagen im Regen und Gegewind gefahren – nicht schon wieder. Und da hatte es zumindest 9°.
Es nutzt nichts – Plan ist Plan, also ab auf’s Rad. Das Fahrrad zu bepacken, darin bin ich bereits geübt. Jeder Handgriff sitzt. Mein „Gespann“ wiegt knapp 40 kg und braucht etwas Überredung, um ins Rollen zu kommen. Aber schon kurze Zeit später bin ich im „Flow“. Die Beine treten und ich komme trotz des schmuddeligen Wetters gut voran.
Die Gefühle sind gemischt. Ich weiß nicht recht, wie ich mein Vorhaben einsortieren soll – wird es ein Aufguss vom letzten Jahr, schließlich fahre ich fast die exakt gleiche Route, oder wird auch diese Radreise zu ihrem ganz eigenen Abenteuer?
Die ersten 40 km sind flach. Fernweh, Heimweh, Sehnsucht nach… was eigentlich? – wechseln sich ab. Werde ich die nächsten 15 Tage tatsächlich auf diesem Fahrrad verbringen? Die Beine treten, der „Kopf“ verschwindet irgendwo am fernen Horizont, während sich Gedanken, Herz und Kurbel im Gleichschritt auf und ab bewegen.
Gütersloh und Rheda ziehen an mir vorbei. Es hat aufgehört zu regnen, ist aber noch immer sehr kühl. Die erste richtige Wegmarke, Stromberg bei Oelde kommt in Sichtweite. Ein besonderer Ort für mich – die 40 km Marke. Eine Distanz, die ich immer noch fahren kann, sei ich auch noch so kaputt. Wenn ich auf einer Etappe eigentlich nicht mehr kann und es noch 40 km bis zum Ziel sind sage ich mir: „los, noch 1 Mal Stromberg, das packst du!“. Und dann schaffe ich das auch, darauf ist Verlass.
Ich durchfahre Beckum und schließlich geht es auf dem wunderschönen Werseradweg stetig am Fluss entlang. Die Fahrradinfrastruktur in Deutschland begeistert mich immer wieder auf’s Neue – einmal Deutschland verlassen, wird man keine vergleichbar hohe Qualität an Radwegen und abwechslungsreicher „Kulisse“ finden – nicht in Holland, nicht in Belgien und auch und erst recht nicht in Frankreich.
Hamm gelangt in Sichtweite, der Tacho zeigt nun gute 70 km, 30 sind es noch. Es läuft gut. Das Training im Winter, meine „Deutschlandfahrten“ im Spätwinter nach Köln, Weiden, Münster, machen sich bezahlt. Vor allem die 480 km Tour nach Weiden, über die Deutschen Mittelgebirge mit Etappen über 130 km und über 1000 Höhenmeter helfen mir sehr, auf dem heutigen recht flachen Stück gut vorwärts zu kommen.
Die restlichen Kilometer reiße ich locker ab – die Sonne kommt für die letzten 15 km raus, der Wind weht angenehm von hinten und schiebt mich dem heutigen Tagesziel, Lünen, entgegen.
Als ich vom Rad steige, zeigt der Tacho genau 100 km.
Es war ein guter Tag, trotz des nicht so tollen Wetters. Ich fühle mich gut, kraftvoll. Die ambivalenten Gefühle von heute morgen sind weitestgehend verflogen. Ich beginne, wieder ausschließlich in Radkilometern zu denken – abends hole ich den Laptop raus und arbeite die Dinge ab, die über den Tag liegengeblieben sind.
Fühlt sich das wie Urlaub an – zu 1000%.
Was uns morgen erwartet
Der morgige Tag widmet sich dem Ruhrgebiet. Es geht von Lünen aus durch den Pott, immer an den Kanälen und Flüssen entlang. X-fach werde ich die Uferseiten wechseln, der Belag wenig asphaltiert, dafür viel Schotter. Das Ruhgebiet hat seinen ganz eigenen Charme – rau, ehrlich, mit wunderschönen Eckchen, immer dort, wo man sie am wenigsten erwartet – ich kann viel damit anfangen!
Einmal das Ruhgebiet verlassen, geht es dann mit großen Reifenumdrehungen Richtung niederländischer Grenze…













