Tag 0: 10 – 9 – 8 – 7… bald geht’s los. 15 Tage auf dem Rad – warum nur?
„Hin und zurück“ eine Geschichte von… – okay, das ist eigentlich aus „Der Hobbit“, passt auch nicht ganz, aber naja. Irgendwie muss man den Einstieg ja finden.
Bisschen verrückt, habe ich mich entschieden, meiner Juni 2025 Radreise von Bielefeld an die Côte d’Argent nun ein Revival folgen zu lassen.
Die Herauforderung: aus 17 Tagen auf dem Rad werden 15 – die Projektsituation lässt nichts anderes zu. 💻
Dieses Mal steht daher mit im Schnitt 105 km pro Tag vor allem der sportliche Aspekt im Vordergrund und eine etwas angepasste Route, um den erhöhten Tageskilometern Rechnung tragen zu können.
Nach mehreren 1000 Kilometern auf meinem Rad bin ich zwischenzeitlich einigermaßen geübt. Vaseline für Popo & Co ist eingepackt, Gelriegel, Wasser und Proviant liegen bereit.
Mein Bike hat neue Bremsbelege bekommen, viel Pflege und sieht aus, als sei es grundüberholt worden, Ritzel und Kassette blitzen und blinken, alles ist fein geölt und wenn es nach meinem „Cubi“ ginge, könnte es sofort losgehen… ✨.
Warum tue ich mir das Ganze nochmal an?
Wie oben bereits geschrieben – zum einen steht der sportliche Aspekt im Vordergrund, zum anderen erhoffe ich mir besseres Wetter als im letzten Jahr, als ich bei sehr viel Regen und Gegenwind ziemlich beißen musste und dennoch jeden einzelnen Kilometer mehr als genossen habe. Die etwas erhöhte Kilometeranzahl pro Tag wird mich herausfordern, ich werde Tagesetappen zwischen 120 und 145 km haben, und das Tag für Tag, gute 2 Wochen.
Ich erinnere mich, dass mit zunehmender Zeit eine gewisse Tiefenmüdigkeit eintreten wird, die wiederum durch deutlichen Muskelaufbau in Waden und Oberschenkeln egalisiert werden wird.
Dennoch, spätestens hinter Paris werde ich vor Müdigkeit und Erschöpfung überall schlafen können – vielleicht auch wieder mit Sekundenschlaf auf dem Fahrrad… 😃
Als ich letztes Jahr von meinem Abenteuer berichtet hatte, habe ich relativ viele private Nachrichten von Leuten erhalten, die ebenfalls gerne einmal eine solche Tour machen wollen.
Macht es auf jeden Fall! Ihr werdet euch neu kennenlernen, der Blick auf eure Umwelt, eure Mitmenschen, auf euer Leben, wird sich verändern – und am Ende werdet ihr verstehen: Der Weg verändert uns mehr als das Ziel. 🚴♂️
Was mich auf dieser Tour erwartet? Keine Ahnung. Aber das ist ja das Schöne daran.
Die Route im Schnelldurchlauf – und was uns erwarten wird…
Vor uns liegen rund 1.542 Kilometer auf dem Fahrrad: von Ostwestfalen durch das westfälische Flachland und das Ruhrgebiet, weiter über die Niederlande und Belgien nach Nordfrankreich, durch den Großraum Paris, ins Loiretal, durchs Poitou und schließlich hinunter bis an die französische Atlantikküste an der Côte d’Argent.
Die Strecke ist dabei weit mehr als nur eine sportliche Linie auf der Karte, denn sie führt durch völlig unterschiedliche Landschaften und Kulturäume: vom industriell geprägten Westen Deutschlands über die stilleren Grenzregionen in Belgien bis hinein in jene französischen Regionen, in denen Geschichte, Landwirtschaft und alte Handelswege bis heute das Bild prägen.
Unterwegs wechseln sich ehemalige Industriestädte, mittelalterliche Altstädte, Flusslandschaften und berühmte Radkorridore ab — von den urbanen Räumen im Ruhrgebiet über die grüne Umgebung von Genk und den Nationalpark Hoge Kempen bis zu den historischen Städten rund um Paris, der Loire und Poitiers.
Je weiter wir nach Süden kommen, desto stärker verändert sich auch die Stimmung der Reise: Hinter Royan öffnet sich mit der Vélodyssée die große Atlantikroute mit Dünen, Seen, Pinienwäldern und langen Küstenabschnitten, bevor über Arcachon und die Küste der Landes schließlich das Ziel am Meer erreicht wird.
Diese Tour verbindet deshalb vieles auf einmal — Bewegung und Weite, Städte und Natur, europäische Geschichte und ganz persönliche Reiseerlebnisse — und genau das macht sie für mich zu mehr als nur einer Fahrradfahrt von A nach B.
Tag 1 (Bielefeld → Lünen | 100 km): Los geht’s – noch 1.550 km bis zum Ziel… 🧐
Gedanke des Tages: Auch das zweite Mal fühlt sich wie das erste Mal an
Wissenswertes zur heutigen Etappe
Bielefeld – Gütersloh – Rheda-Wiedenbrück – Oelde – Ahlen – Hamm – Lünen
Es beginnt. Die Pedale drehen sich zum ersten Mal in Richtung Atlantik — noch 1.542 Kilometer liegen vor mir, aber zunächst rollt Westfalen vorbei. Bielefeld, mit rund 340.000 Einwohnern die größte Stadt Ostwestfalens, hat eine skurrile Berühmtheit erlangt: die „Bielefeld-Verschwörung“, ein Internetwitz aus dem Jahr 1993, der behauptet, die Stadt existiere gar nicht. Wer heute von hier losfährt, weiß es besser.
Gütersloh ist Heimat von Bertelsmann, einem der weltgrößten Medienkonzerne — aus dieser beschaulichen Kleinstadt wird ein globales Medienimperium gesteuert. Rheda-Wiedenbrück verzaubert an der Ems mit dem barocken Wasserschloss Rheda, einem der besterhaltenen seiner Art in Westfalen. Weiter durch Oelde und Ahlen öffnet sich das westfälische Tiefland in seiner ganzen Weite und Stille — grüne Felder, Kirchturmspitzen am Horizont, kaum Verkehr.
Hamm kündigt den Übergang ins Ruhrgebiet an. Das Wahrzeichen der Stadt ist der „Glaselefant“ im Maxipark, ein riesiges Gewächshaus in Form eines Elefanten — ein ebenso skurriles wie liebenswertes Symbol des Strukturwandels. Lünen an der Lippe schließt die erste Etappe ab: Die Stadt atmet noch den Geist der Industriegeschichte, während die Lippelandschaft drumherum längst zum grünen Naherholungsgebiet geworden ist. Ein guter, flacher Auftakt für die erste von 15 Fahrtagen.
Heutige Impressionen und Erlebnisse
Es geht los – strahlend blauer Himmel, 18°, leichte Brise aus Nord-Ost, somit Rückenwind – 🛑- zurück in die Realität. 5°, leichter Nieselregen, grau in grau, eisiger Nordwind.
Okay, so hatte ich mir das nicht vorgestellt.
Schon im letzten Jahr bin ich von 17 Tagen auf dem Rad bestimmt an 12 Tagen im Regen und Gegewind gefahren – nicht schon wieder. Und da hatte es zumindest 9°.
Es nutzt nichts – Plan ist Plan, also ab auf’s Rad. Das Fahrrad zu bepacken, darin bin ich bereits geübt. Jeder Handgriff sitzt. Mein „Gespann“ wiegt knapp 40 kg und braucht etwas Überredung, um ins Rollen zu kommen. Aber schon kurze Zeit später bin ich im „Flow“. Die Beine treten und ich komme trotz des schmuddeligen Wetters gut voran.
Die Gefühle sind gemischt. Ich weiß nicht recht, wie ich mein Vorhaben einsortieren soll – wird es ein Aufguss vom letzten Jahr, schließlich fahre ich fast die exakt gleiche Route, oder wird auch diese Radreise zu ihrem ganz eigenen Abenteuer?
Die ersten 40 km sind flach. Fernweh, Heimweh, Sehnsucht nach… was eigentlich? – wechseln sich ab. Werde ich die nächsten 15 Tage tatsächlich auf diesem Fahrrad verbringen? Die Beine treten, der „Kopf“ verschwindet irgendwo am fernen Horizont, während sich Gedanken, Herz und Kurbel im Gleichschritt auf und ab bewegen.
Gütersloh und Rheda ziehen an mir vorbei. Es hat aufgehört zu regnen, ist aber noch immer sehr kühl. Die erste richtige Wegmarke, Stromberg bei Oelde kommt in Sichtweite. Ein besonderer Ort für mich – die 40 km Marke. Eine Distanz, die ich immer noch fahren kann, sei ich auch noch so kaputt. Wenn ich auf einer Etappe eigentlich nicht mehr kann und es noch 40 km bis zum Ziel sind sage ich mir: „los, noch 1 Mal Stromberg, das packst du!“. Und dann schaffe ich das auch, darauf ist Verlass.
Ich durchfahre Beckum und schließlich geht es auf dem wunderschönen Werseradweg stetig am Fluss entlang. Die Fahrradinfrastruktur in Deutschland begeistert mich immer wieder auf’s Neue – einmal Deutschland verlassen, wird man keine vergleichbar hohe Qualität an Radwegen und abwechslungsreicher „Kulisse“ finden – nicht in Holland, nicht in Belgien und auch und erst recht nicht in Frankreich.
Hamm gelangt in Sichtweite, der Tacho zeigt nun gute 70 km, 30 sind es noch. Es läuft gut. Das Training im Winter, meine „Deutschlandfahrten“ im Spätwinter nach Köln, Weiden, Münster, machen sich bezahlt. Vor allem die 480 km Tour nach Weiden, über die Deutschen Mittelgebirge mit Etappen über 130 km und über 1000 Höhenmeter helfen mir sehr, auf dem heutigen recht flachen Stück gut vorwärts zu kommen.
Die restlichen Kilometer reiße ich locker ab – die Sonne kommt für die letzten 15 km raus, der Wind weht angenehm von hinten und schiebt mich dem heutigen Tagesziel, Lünen, entgegen.
Als ich vom Rad steige, zeigt der Tacho genau 100 km.
Es war ein guter Tag, trotz des nicht so tollen Wetters. Ich fühle mich gut, kraftvoll. Die ambivalenten Gefühle von heute morgen sind weitestgehend verflogen. Ich beginne, wieder ausschließlich in Radkilometern zu denken – abends hole ich den Laptop raus und arbeite die Dinge ab, die über den Tag liegengeblieben sind.
Fühlt sich das wie Urlaub an – zu 1000%.
Was uns morgen erwartet
Der morgige Tag widmet sich dem Ruhrgebiet. Es geht von Lünen aus durch den Pott, immer an den Kanälen und Flüssen entlang. X-fach werde ich die Uferseiten wechseln, der Belag wenig asphaltiert, dafür viel Schotter. Das Ruhgebiet hat seinen ganz eigenen Charme – rau, ehrlich, mit wunderschönen Eckchen, immer dort, wo man sie am wenigsten erwartet – ich kann viel damit anfangen!
Einmal das Ruhgebiet verlassen, geht es dann mit großen Reifenumdrehungen Richtung niederländischer Grenze…
Tag 2 (Lünen → Neukirchen-Vluyn | 90 km): es sollte alles ganz entspannt werden 🧘♂️
Gedanke des Tages: Die leichteste Etappe ist die schwerste…
Wissenswertes zur heutigen Etappe
Lünen – Dortmund – Recklinghausen – Gelsenkirchen – Oberhausen – Duisburg – Neukirchen-Vluyn
Heute fährt man durch das Herz des Ruhrgebiets — eine der dichtbesiedeltsten Industrieregionen der Welt, die sich in einem atemberaubenden Wandel befindet. Was einst unter Kohlestaub und Stahldampf lag, ist heute Kulturlandschaft. Dortmund, die ehemalige Stahl- und Bierstadt, empfängt mit dem Signal Iduna Park, dem größten Fußballstadion Deutschlands mit 81.365 Plätzen — ein Tempel des modernen Fußballs.
Durch Recklinghausen und Gelsenkirchen führt die Route an Halden vorbei, die man zu Aussichtspunkten umgebaut hat — Berge aus Menschenhand, die heute begrünt thronen. Oberhausen überrascht mit dem Gasometer, einem ehemaligen Industriegasspeicher von 117 Metern Höhe, der heute als Ausstellungsraum für großformatige Kunst dient. In Duisburg, wo Rhein und Ruhr zusammenfließen, liegt der größte Binnenhafen der Welt — 21 Quadratkilometer Wasserfläche, 40 Hafenbecken. Und mitten in der alten Industriekulisse: der Landschaftspark Duisburg-Nord, wo sich Kletterer an Hochöfen emporziehen und Taucher in Kühlbecken abtauchen.
Neukirchen-Vluyn am Niederrhein ist der Ausklang des Reviers. Der Schacht Niederberg, eines der letzten Steinkohlebergwerke des Ruhrgebiets, schrieb hier Geschichte — heute ist die Landschaft im Aufbruch, die Fördertürme stehen als Denkmäler. Das Ruhrgebiet ist nicht schön im klassischen Sinne. Aber es ist ehrlich, laut in seiner Geschichte und beeindruckend in seiner Wandlungsfähigkeit.
Heutige Impressionen und Erlebnisse
Es sollte es ein lockerer Ritt mit beschaulichen 82 km durch das Ruhrgebiet werden. Ich hatte einen ruhigen Tag erwartet. Das Wetter war gut vorhergesagt, sonnig, kein Gegenwind, einfach ein Tag zum Cruisen. Eigentlich hätte ich von meiner Tour vor einem Jahr gewarnt sein sollen: immer, wenn ich etwas einfach erwartet hatte, wurde es am Ende viel schwieriger, als ursprünglich gedacht – so auch heute.
Mit dem Rad durch den Pott zu fahren ist extrem abwechslungsreich. Im Grunde eine einzige riesige „Stadt“ (okay, das dürfen die Dortmunder und Gelsenkirchener auf keinen Fall lesen..), nimmt man an, die ganze Zeit nur durch schmutzige und Laute (Vor-) Orte zu fahren.
Stattdessen wechseln sich wunderbare, schöne, ländliche Sahneradwege mit herrlichen Passagen direkt an den Flüssen und Kanälen ab. Klar, es gibt auch schmuddelige Ecken, aber immer wenn du denkst, nun wirklich alles gesehen zu haben, gibt es auf einmal wieder eine wunderschöne Gelegenheit, um in der Sonne Rast zu machen.
Unglücklicherweise meint man offenbar aktuell, jede erdenkliche Brücke im Ruhrgebiet erneuern zu müssen. Das führt dazu, dass jeder zweite Radweg mehrere gesperrte Passagen erhält, die nicht selten einfach mit dem Hinweis enden: dieser Radweg ist gesperrt. Dann ist guter Rat teuer, denn umzäunt durch Flüsse, Kanäle und Autobahnen, sind die Optionen begrenzt, will man nicht bei jeder Sperrung einen 10 km im Umweg machen.
Hat man nur 20 Tageskilometer geplant, ist es nicht allzu dramatisch – bei 90 Tageskilometern machen 3, 4 Umwege mal gut und gerne 10-20 km aus- und so wurden aus 80 heute 90 km. Dabei ist die Kilometeranzahl nicht das Problem – 10 km mehr sind vollkommen ok – aber es kostet Zeit und Nerven, in Städten, die man nicht kennt, die vielbefahren sind, sich selbst ohne Vorbereitung eine neue Route zu suchen. Google und Co helfen nicht, denn die kennen die Sperrungen nicht und wollen einen immer wieder zurück auf die ursprünglich geplante Route schicken. Es heißt also: selbst Hand anlegen!
Die Beschaffenheit der Radwege an den Kanälen besteht zu einem großen Teil aus Schotter – das bremst merklich, dafür ist es weitestgehend flach – wenn man nicht gerade gute 15 Mal die Kanalseite wechseln muss! 🙂
Dennoch, es war ein schöner, anstrengender Tag und Holland ist nun zum Greifen nah.
Jetzt heißt es erstmal: Fahrrad ins Bett bringen und etwas zu Essen auftreiben – Steak ist angesagt!
Was uns morgen erwartet
Morgen stehen knappe 120 km auf dem Programm – und zwei Landesgrenzen. Erst geht es nach 25 km nach Holland, später weiter nach Belgien.
Ich erwarte einen herausfordernden Tag. Letztes Jahr hatte ich auf dieser Etappe 1 Liter Regen in meinem Regencape – mal sehen, wie es morgen wird…
Tag 3 (Neukirchen-Vluyn → Genk | 115 km): 2025 hatte ich auf dieser Etappe nur eines: Regen, Regen und noch mehr Regen – heute wieder?
Gedanke des Tages: Der schlimmste wird zum schönsten Tag
Wissenswertes zur heutigen Etappe
Neukirchen-Vluyn – Venlo – Roermond – Maasmechelen – Nationalpark Hoge Kempen – Genk
Heute überschreite ich gleich zwei Landesgrenzen — erst von Deutschland in die Niederlande, dann hinüber nach Belgien. Venlo an der Maas, eine quirlige Handelsstadt mit niederrheinischem Flair, markiert den ersten Grenzübertritt. Roermond in der niederländischen Provinz Limburg ist bekannt für seine spätgotische Münsterkirche — und sein riesiges Outlet-Center, das täglich Kauflustige aus ganz Europa anzieht, ein schroffer Kontrast zur Stille, die danach wartet.
Denn kurz hinter der belgischen Grenze öffnet sich eine andere Welt: Der Nationalpark Hoge Kempen, der einzige offizielle Nationalpark Belgiens, breitet sich über 5.700 Hektar Heide, Kiefernwälder und Sanddünen aus. Kurz darauf folgt das Naturschutzgebiet De Wijers — Belgiens größtes zusammenhängendes Teichgebiet mit über 1.000 Teichen, ein Paradies für Wasservögel und Naturliebhaber.
Und dann: einer der magischsten Radmomente, die Europa zu bieten hat. Der Radweg „Fietsen door het water“ führt in einem abgesenkten Betonkanal mitten durch einen See — das Wasser steht rechts und links auf Augenhöhe, Schwäne schwimmen vorbei, als wäre man Teil eines Aquariums. Genk, das Tagesziel, ist eine multikulturelle Bergbaustadt, die ihren Wandel mit Energie und Kreativität gestaltet. Ein perfektes Sinnbild für den gesamten heutigen Tag: Grenzen überschreiten, Überraschendes entdecken.
Heutige Impressionen und Erlebnisse
Zugegeben – auf diesen Teil der Route hatte ich nicht sonderlich viel Lust – das lag vor allem an den weniger schönen Erinnerungen aufgrund meiner Erlebnisse im letzten Jahr.
Letztes Jahr hatte ich während der ersten drei Tage durchgängig Regen.
So sah ich in Venlo aus:

Und nachdem es kurz hinter Venlo von oben, links, rechts, vorne, hinten und unten geregnet hatte, sah ich in Roermond schließlich so aus:

Meine Regencape hatte 1 Liter Wasser eingesammelt:

Was soll ich sagen; heute: ein absoluter Traumtag. Vom Start in Neukirchen bis nach 112 km in Genk: nur Sonne, super angenehme Temperaturen, Rückenwind. Wunderschöne Landschaften, tolle Radwege, ich konnte 80 km lang sogar in kurz-kurz fahren. Fahrradherz, was willst du mehr?
Auch umgekehrt gilt: wenn du nichts erwartest, kann es wunderschön werden!
Die 112 km haben mich kaum herausgefordert. Der Rückenwind war eine große Hilfe und insgesamt eine absolut flache Tagesetappe. Die Höhenmeter, die die Fahrrad-App anzeigt, können nicht passen.
Was mich nachdenklich stimmt: im Vergleich zum letzten Jahr, stehen in Holland und Belgien unfassbar viele Immobilien zum Verkauf. Die Schilder „Te Koop“ sind so zahlreich, dass es einem sofort ins Auge sticht. Im letzten Jahr hatte ich mich noch gewundert, welch hohe Immobilienqualität, vor allem in Belgien, in diesen beiden Ländern herrscht. Sehr viele, große, qualitativ hochwertige Häuser, nagelneu. Und jetzt… – traurig zu sehen.
Zwei Grenzen später bin ich nun also bereits in Belgien. Es war ein toller Tag. Ich fühle mich nach wie vor gut und fit. Allerdings muss ich mich erst daran gewöhnen, dass das höhere Tempo auch zu erhöhtem Flüssigkeitsverlust führt, den ich aktuell noch nicht ausreichend gut kompensiere. So habe ich abends beständig Kopfschmerzen – das muss besser werden.
Morgen stehen wieder ca. 115 – 120 km an. Von Genk (flämisch sprechend) wird es mich weiter ins französisch sprachige Charleroi führen – unrühmlich Bekanntheit darin erlangt, eine der „hässlichsten“ Städte Europas zu sein. Das kann ich so nicht bestätigen, aber dazu morgen mehr.
Die Tour wird wellig und ich erwarte sie recht herausfordernd. Mal sehen.
Tag 4 (Genk → Charleroi | 120 km): Heute heißt es, 1 Tag „rauszufahren“!
Gedanke des Tages: ohne Sonne macht es nur halb so viel Spaß :-/
Wissenswertes zur heutigen Etappe
Genk – Hasselt – Sint-Truiden – Gembloux – Fleurus – Charleroi
Belgien in voller Breite — von der flämischen Obstbauregion bis zur wallonischen Industrieseele. Hasselt, die Provinzhauptstadt von Belgisch-Limburg, ist weit über die Grenzen bekannt für ihren Jenever, den belgischen Wacholderschnaps — das städtische Jenever-Museum lässt Geschichte und Gaumenfreude verschmelzen. Interessant: Hasselt führte zwischen 1997 und 2013 den kostenlosen öffentlichen Nahverkehr ein, ein stadtplanerisches Experiment, das weltweit für Aufsehen sorgte.
Sint-Truiden (Saint-Trond) lädt mit einem der schönsten Großen Märkte Belgiens zum Innehalten ein; die Benediktinerabtei, gegründet im 7. Jahrhundert, ragt als steinernes Gedächtnismonument aus der Geschichte hervor. Gembloux liegt in der grünen wallonischen Agrarregion, geprägt von Feldern und der renommierten Agrarfakultät der Universität Lüttich.
Fleurus trägt schwer an seiner Geschichte: Hier lagerten Napoleons Truppen auf dem Weg nach Waterloo, wenige Tage bevor die Epoche des Ersten Kaiserreichs für immer endete. Charleroi, das Tagesziel, war einmal das Herz der wallonischen Stahlindustrie — rauchende Schlote, glühende Öfen, Nachtschichten. Heute liegt der Ruß der Geschichte wie eine Patina über der Stadt, die sich neu erfindet. Das belgische RAVeL-Radwegenetz, das auf alten Bahntrassen und Kanalufern verläuft, macht die Einfahrt in die Stadt komfortabler als erwartet.
Heutige Impressionen und Erlebnisse
Der heutige Tag begann mit… Hunger! Aber so richtig. Ich versuche immer, abends gut zu essen, aber das ist mitunter gar nicht so leicht. Und so esse ich zumeist nicht reichhaltig genug.
Und so gab es zum Frühstück erstmal:

eine „leckere“ Bolognese – zumindest mit ganz viel Vorstellungskraft, schmeckte es so. :-/
Ansonsten gibt es nicht allzu viel zu berichten. Heute hieß es: fahren, fahren, fahren. Die knapp 120 km heute sind so gewählt, dass ich im Vergleich zum letzten Jahr eine Übernachtung „einspare“. Es war eine anspruchsvolle Etappe, ab km 40 ging es knapp 80 km beständig bergauf. Leichte, gleichmäßige Anstiege liegen mir nicht besonders gut. Ich bin dann meist zu schnell, sodass mir die Körner am Ende fehlen. Heute klappte es ok.
Nach 4 Tagen und mehr als 400 km sind die Beine leicht müde, herausfordernder ist die gesamtkonstitutionelle Verfassung. Die Leichtigkeit der ersten Tage ist weg und nun werden vermehrt andere „Fähigkeiten“ benötigt. Willenskraft, Durchhaltevermögen, Ausdauer und den inneren Schweinehund besiegen – zumal das Wetter ab jetzt schlechter werden soll – richtig schlecht, mit sehr viel Regen. Das zerrt an den Nerven, weil die Nässe zu Dauerkälte führt, was wiederum extrem ermüdend ist.
Was uns morgen erwartet
Die morgige Etappe mit ca. 140 km ermöglicht mir zwar die gesamte Reise von 17 auf 15 Tage auf dem Rad zu verkürzen, aber der Preis in Form beständiger Erschöpfung wird nicht gering sein. Ich bin gespannt, wie sich das morgen Abend anfühlt… Was ich jetzt schon merke: es macht einen Unterschied, mal drei oder vier Tage um 120 km zu fahren, oder 15 Tage immer über 100 km. Es bleibt spannend!
Tag 5 (Charleroi → Saint-Quentin | 138 km): Paris, ich komme…
Gedanke des Tages: Bienvenue en France
Wissenswertes zur heutigen Etappe
Charleroi – Maubeuge – Avesnois – Guise – Saint-Quentin
Heute überquert man eine unsichtbare, aber historisch schwer aufgeladene Grenze: die belgisch-französische. Mons, auf Flämisch Bergen, trägt den Beinamen „Stadt van Goghs“ — der junge Vincent lebte hier Ende der 1870er Jahre als glühender Prediger unter den Bergarbeitern, bevor er seine Berufung in der Malerei fand. Kurz hinter Maubeuge öffnet sich der Parc Naturel Régional de l’Avesnois: sanfte Hügel, dichte Heckenlandschaften, Obstwiesen, plätschernde Bäche — so ruhig und grün, dass die Region gerne als „Normandie des Nordens“ bezeichnet wird.
Die Route folgt hier dem EuroVelo 3, dem Scandibérique — einer Pilgerroute, die von Trondheim in Norwegen bis nach Santiago de Compostela in Spanien führt, über 7.600 Kilometer Radweg durch den Kontinent. Ich bin also nicht allein unterwegs: Tausende Radfahrerinnen und Radfahrer teilen jedes Jahr diese Wege.
Guise ist ein Ort, der stutzig macht: Mitten in der Kleinstadt steht das Familistère, ein utopisches soziales Wohnprojekt aus dem 19. Jahrhundert. Der Industrielle Jean-Baptiste Godin ließ hier für seine Arbeiter eine genossenschaftliche Mustersiedlung bauen — mit Innenkofen, Schulen, Theater, Kita. Ein Traum aus Glas und Sozialvision, der heute als Museum zugänglich ist. Saint-Quentin schließt den langen Tag mit einem unerwarteten Geschenk ab: einem der prächtigsten Art-Déco-Stadtkerne Frankreichs.
Heutige Impressionen und Erlebnisse
Okay, das passte irgendwie nicht so richtig zusammen. Heute stand mit knapp 140 km meine Königsetappe an – und meine bike map fand keine vernünftige Route. Zwischen 120 km über Stock und Stein (niemals machen – keine Chance, anzukommen!) und 163 km „komfortabel“ über vernünftige Pisten – aber mit 1600 Höhenmeter… 🧐 Ich hatte mir das irgendwie anders vorgestellt. Ziel war, heute im Vergleich zum Vorjahr eine Übernachtung einzusparen. Der Blick aus dem Fenster war auch nicht gerade verheißungsvoll, also erstmal die Regensachen rausgeholt. Schnell noch ein Blick auf’s Thermometer – 6°. Ich hätte mir das mit der heutigen Tour wirklich überlegen sollen. Wer weiß, vielleicht würde es ja nicht so schlimm wie befürchtet, dachte ich noch.
Letztlich fand ich eigenhändig eine Route mit nur 138 km und knapp 1000 Höhenmetern. Die ersten 100 km ging es nur bergauf. Die Route selbst verlief zunächst von Charleroi auf dem Eurovelo 3 immer an der Sambre entlang. Eigentlich eine wunderschöne Route, aber im Regen eben mäßig toll. Hinzukommt die Bodenbeschaffenheit; entweder kleinkörniger Kies, oder Betonplatten mit Querrillen – beides nicht optimal, um ressourcensparend dahinzugleiten.
Anyway, ich kam im Regen ganz ok voran und mein Plan sollte zumindest in Teilen aufgehen. Ich war extra erst spät losgefahren, um die größten Teile der Regenfont durchziehen zu lassen, sodass ich nach 2 Stunden den Regencape ausziehen konnte. Pünktlich bei Erreichen der französischen Grenze kam die Sonne raus – welch eine Wohltat für mein Radlerherz.
In Frankreich führen alle Wege nach Paris, und so durfte auch an dieser Stelle das entsprechende Hinweischild nicht fehlen – Paris: 250 km.

endlich in France! 💪
Es war ein Kampftag. Mit jetzt weit mehr als 500 km in 5 Tagen in den Beinen merke ich, dass Anstiege nicht mehr ganz so leicht zu treten sind und dass der Körper grundsätzlich müde ist. Alles in Allem aber fühle ich mich gut und so erreichte ich Saint-Quentin zwar auch wieder im Regen und erst am späten Abend, aber ich hatte mein Tagesziel erreicht: zwei Etappen aus dem Vorjahr „zusammengelegt“, die zweite Nacht eingespart. Ab jetzt fahre ich wieder auf meiner „alten“ Route aus dem letzten Jahr, gleichmäßig um 100 km. Das wird gut machbar sein!
Morgen erwartet mich mit 85 km ein kurzer „Hüpfer“ – im letzten Jahr eine meiner Lieblingsetappe. Von Saint Quentin geht es nach Compiègne, die letzte Übernachtung, bevor ich mich am Folgetag auf den Weg nach Paris mache. Wow, irgendwie krass… – das geht jetzt doch ziemlich zügig.
Tag 6 (Saint-Quentin → Compiègne | 85 km): Noch 180 km bis Paris – beißen!
Gedanke des Tages: Nach Regen folgt Sonne!
Wissenswertes zur heutigen Etappe
Saint-Quentin – Tergnier – Chauny – Noyon – Compiègne
Eine kürzere Etappe, aber voller geschichtlicher Tiefe. Der Canal de l’Oise begleitet die Strecke durch eine weite, flache Kanallandschaft — Lastkähne ziehen träge ihre Spuren, Reiher stehen reglos im Wasser. Tergnier und Chauny sind schlichte Industriestädte, die durch die Schleusen und Kanäle der Picardie verbunden werden. Dann: Noyon.
Diese kleine Stadt hat Weltgeschichte gesehen. Im Jahr 768 wurde Karl der Große in der Kathedrale von Noyon zum König der Franken gekrönt — ein Zeremoniell, das das christliche Abendland formen sollte. Und 1509 wurde hier Johannes Calvin geboren, der Reformator, der mit seiner Theologie die protestantische Welt umkrempelte. Noyon steckt also voller Zündstoff — historisch, theologisch, architektonisch. Die gotische Kathedrale Notre-Dame de Noyon aus dem 12. Jahrhundert gilt als eine der frühesten gotischen Kathedralen Frankreichs.
Compiègne, das Tagesziel, ist kaiserlich. Das Schloss Palais de Compiègne war die Sommerresidenz Napoleons III. und gehört zu den größten Schlössern Frankreichs. Der umliegende Wald, 14.500 Hektar Buchen und Eichen, lädt zum Abendspaziergang ein. Und wer genau weiß, wo er sucht, findet im Wald die Lichtung von Rethondes — dort, wo am 11. November 1918 in einem Eisenbahnwaggon der Waffenstillstand unterzeichnet wurde, der den Ersten Weltkrieg beendete. Stiller Ort. Großes Gewicht.
Heutige Impressionen und Erlebnisse
Nachdem ich mir gestern bei Regen, starkem Wind und einer recht langen Distanz von knapp 140 Tageskilometern ordentlich einen Schluck aus der „Trainings-Reservepulle“ gegönnt hatte, sollte heute, am 6. Tag in Folge, ein kurzer Hüpfer bei schönem Wetter anstehen. Der morgendliche Blick aus dem Fenster offenbart bei kühlen 5° einen herrlichen Sonnenaufgang. 🌄
Die 85 km lange Route von Saint-Quentin nach Compiègne führt zunächst wunderschön an der Somme entlang. Gerade bei schönem Wetter ist das landschaftlich ein Hochgenuss. Im Verlauf geht es hügelig weiter bis Noyon – nicht selten hat man auf diesem Teilstück das Gefühl, sich in einem menschenleeren Frankreich zu befinden. Man durchfährt kleinste Ortschaften, bei dem Ortsein- und -ausgangschild nur wenige Hundertmeter auseinanderliegen – die Zeit scheint hier stillzustehen.
Einmal in Noyon angekommen, wechselt man auf den „großen“ Eurovélo 3, einer der europäischen Radwanderwege, welchem ich auch im weiteren Verlauf an den Südatlantik immer wieder begegnen werde. Der Vorteil dieser Radwanderwege liegt darin, dass man die Konzentration auf die Navigation ein klein wenig auslagern kann – aber tatsächlich nur bedingt, denn nicht selten taucht vollkommen unerwartet ein Schild vor einem auf „Route barrée à 500m“. Wenn das dann bei der einzigen Brücke im Umkreis von 5 km über einen Fluss geschieht, ist guter Rat teuer und man versucht mehr schlecht als recht auf die schnelle eine Alternativroute zusammenzuzimmern. In der Tagesplanung ist man gut beraten, zur potenziellen Tageskilometeranzahl lt. Navigationsapp nochmal 5-10 km gedanklich hinzuzuaddieren, denn man wird selten die initial geplante Route vollständig fahren können. Bei einer 85 km Tagestour ist das kein Problem, wenn man aber eh an seine individuelle Grenze plant und dann kommen unerwartet 10 km dazu, wird’s hart – woher ich das wohl weiß… 😉
Heute kam ich insgesamt gut durch. Der Wind hat zwischenzeitlich gedreht und aus angenehmem Seitenwind ist nun mäßiger Gegenwind geworden. Ich hoffe, dass dieser nicht noch weiter auffrischt. Morgen ist die sehr anspruchsvolle Etappe nach Paris geplant und da kann ich alles gebrauchen, nur keinen Gegenwind…
Tag 7 (Compiègne → Paris | 105 km): Paris, heute komme ich!
Gedanke des Tages: Paris? Hier ist es wie in Tana (Antananarivo, Madagaskar)
Wissenswertes zur heutigen Etappe
Compiègne – Senlis – Chantilly – Luzarches – Roissy – Saint-Denis – Paris
Der letzte Tag vor Paris — und was für einer. Senlis, erste Stadt auf dem Weg südwärts, ist ein Juwel, das kaum jemand kennt: mittelalterliche Gassen, eine romanisch-gotische Kathedrale, Stadtmauern aus der Römerzeit, ein Gallo-römisches Amphitheater. Kein Touristentrubel, nur stille Geschichte.
Dann Chantilly. Das Schloss Château de Chantilly ist nach dem Louvre das Museum mit der bedeutendsten Kunstsammlung Frankreichs — ein Ort, an dem Meisterwerke aus Jahrhunderten in fürstlichen Sälen hängen, als wäre man zu Besuch bei einem alten Sammler von Rang. Daneben die berühmteste Pferderennbahn Frankreichs, die jährlich das „Prix de Diane“ ausrichtet — Eleganz und Tempo, Wind und Tradition.
Ab Roissy, dem Flughafen Charles de Gaulle, zieht die Welt dichter zusammen. Flieger donnern über die Landschaft, die Skyline des Nordens von Paris taucht auf, Saint-Denis — die letzte Etappenstation — empfängt mit der Basilika Saint-Denis: Begräbnisstätte der französischen Könige, Geburtsort der gotischen Architektur. Dann Paris. Nach über 600 Kilometern von Bielefeld. Die erste Tour-Hälfte ist geschafft. Man darf ankommen.
Heutige Impressionen und Erlebnisse
Heute also sollte es also so weit sein – die Reifen sollten nach Paris rollen. So war zumindest der Plan. Lange Zeit aber war nicht klar, ob das wirklich klappen könnte, denn das Wetter war heftig angesagt – zusätzlich zur ohnehin sehr, sehr herausfordernden Etappe mit unzähligen Steigungen mit mehr als 15% und guten 105 Tageskilometern. Windgeschwindigkeiten von mehr als 65 km/h Stunde waren vorhergesagt, aus Westen, also absoluter Gegenwind. Gleichzeitig potenzielle Gewitter ab 13 Uhr – das alles auf einer Route, die durch die riesigen Waldlandschaften des Parc naturel régional Oise-Pays de France rund um Senlis führt. Aus dem letzten Jahr kenne ich dieses Waldgebiet gut, sehr gut, zu gut…. Es ist riesig. Hunderte Reit- und Wanderwege führen hindurch, jeder Weg sieht gleich aus, jeder Weg führt woanders hin, der Handyempfang bricht immer wieder ein, sodass viele Navigationsapps nicht mehr funktionieren. Hier hatte ich mich im letzten Jahr heillos verfranzt und nur mit meiner rein auf GPS basierenden Flugnavigationsapp auf meinem Handy habe ich irgendwie aus diesem riesigen Waldgebiet herausgefunden – etwas, was ich in diesem Jahr auf keinen Fall bei Sturm, Starkregen und Gewittern wiederholen wollte.
Statt also Tante-Google zu folgen nah ich mir vor, die Route vollständig auf dem europäischen Radwanderweg Eurovélo 3 zu fahren – 20 km mehr, aber mit deutlich geringerem Risiko, sich zu verfahren. Das Wetter spielte aber nicht mit. Ich musste umplanen und startete um 05:15 Uhr quasi mitten in der Nacht, um noch vor Durchzug der Schlechtwetterfronten in Paris anzukommen.
Gedacht, getan und so kam zum ersten Mal meine Frontbeleuchtung am Fahrrad zum Einsatz – die hatte ich eigentlich nur zu Dekorationszwecken montiert… 😉
Die Route führte mich zunächst an der Oise entlang, um in Pontpoint den Aufstieg über den Mont Pagnotte zu beginnen. Der Anstieg ist nur wenige Kilometer lang, hat es mit knapp 20 % Steigung aber durchaus in sich. Ab dort geht es auf dem Eurovélo wellig Richtung Senlis, ein starker Anstieg folgt dem nächsten, schnelle Abfahrten inklusive. An dieser Stelle ist die Beschaffenheit des Eurovélos wirklich formidable, wird im weiteren Verlauf jedoch mehr als gruselig. Gerade das Stück zwischen Moussy und Compans ist nur mit viel Optimismus zu ertragen, wobei Kopfsteinpflaster noch zum besseren Untergrund gehört. Zwei bis drei Kilometer fährt man über mit Glasscherben übersäte Kieswege, gefolgt von tieffurchigen, schlammigen Feldwegen. Später geht es über mit riesigen (Kiesel-) Steinen durchzogene Waldwege. Auf hunderte Kilometer führt diese Beschaffenheit durch die ständigen Erschütterungen zu hoher Materialermüdung und ich habe erste Risse in der Struktur des Gepäckträgers festgestellt, die ich notdürftig repariert habe. Mal sehen, wie lange der noch hält…
Sehr schön für mich als begeisterter Motorflieger allerdings war, dass die Route durch den Endanflug vom Flughafen Paris Charles-de-Gaulles führt, sodass ich A340 & Co aus nächster Nähe betrachten konnte.
Ab Gressy schließlich geht es bis nach Paris am Canal de l’Ourcq entlang. Wunderschöne Teilstücke, bestens asphaltiert, aber leider mit 60 km/h Gegenwind an diesem Tag anstrengend zu befahren.
Wie erwartet, empfing mich Notre-Dame im Regen. Meine Lust, Paris noch weiter mit dem Rad zu erkunden, hielt sich in Grenzen und wurde auch nicht dadurch gesteigert, dass ich auf dem Weg zum Hotel durch Teile von Paris fuhr, die von der Armut eher an Tana (Antananarivo) in Madagaskar oder Nairobi in Kenia erinnerten – riesige „Zeltstädte“ und Straßenmärkte, jenseits unserer westlich geprägten und wohlstandsverwöhnten Vorstellungskraft – Orte, durch die man nur fährt, wenn man sich auf diese Art und Weise durch die Welt bewegt.
Zu meiner Ankunft am Hotel fegten stürmische Böen durch die Gassen von Paris. Ich war froh, angekommen zu sein und den nächsten Tag nicht wieder auf’s Rad zu müssen.
Wäsche waschen, einige geschäftliche (virtuelle) Termine wahrnehmen und Menschen treffen – eine kleine Pause von den Pedalen.
Fahrrad und Material müssen ebenfalls einem Check unterzogen werden, damit sie für die noch 800 vor mir liegenden Kilometern fit sind.
750 km und 7 Tage auf dem Rad liegen nun hinter mir.
Meine Beine fühlen sich noch gut an.
Die sehr niedrigen Temperaturen in Verbindung mit dem Regen haben zu einem leichten Kratzen im Hals geführt – hoffentlich kann es übermorgen weitergehen…
Der bislang schönste Tag ist Tag 3 meiner Tour – in kurz-kurz, bei wunderschönen 25° von Neukirchen bis nach Genk in Belgien zwei Grenzen überfahren zu haben, wird mir lange in Erinnerung bleiben… 😍

Tag 9 (Paris → Mondésir | 77 km): Wo geht’s zur nächsten 15 % Steigung…?
Gedanke des Tages: Auch 77 km können höllisch wehtun…
Wissenswertes zur heutigen Etappe
Paris – Versailles – Étampes – Mérobert – Mondésir
Raus aus Paris — das ist kein einfaches Unterfangen. Die ersten Kilometer fordern Konzentration, dann weicht der Stadtlärm einem anderen Rhythmus. Versailles öffnet sich als erstes: Das Schloss Versailles, erbaut unter Ludwig XIV. als Sinnbild absoluter Monarchie, liegt inmitten eines Parks von 800 Hektar geometrisch gezähmter Natur — einem der größten Barockgärten der Welt. Wer morgens durchfährt, erlebt ihn noch menschenleer und unwirklich still.
Südlich davon flacht die Landschaft ab in die Beauce — das „Kornkammer Frankreichs“, eine weite, windgepeitschte Ebene, aus der Kathedraltürme am Horizont wie Phare aus dem Meer ragen. Étampes, inmitten dieser Weite, überrascht: Die mittelalterliche Tour Guinette, ein romanischer Bergfried aus dem 12. Jahrhundert, der leicht schief steht wie ein kleiner Bruder des Turms von Pisa, wacht über eine Altstadt mit frühmittelalterlicher Substanz. Die Stiftskirche Saint-Gilles gilt als kunsthistorisches Kleinod der Region.
Ab Étampes taucht man tiefer ins Gâtinais-Hinterland — kaum Touristen, kaum große Städte, nur Dörfer, Felder, ein Frankreich, das abseits der Tourismusströme ganz mit sich selbst ist. Mondésir am Abend: Ankommen im stillen, tiefen Frankreich.
Heutige Impressionen und Erlebnisse
Der freie Tag in Paris hat Körper und Seele gutgetan. Einen Tag nicht die Pedalen sehen zu müssen, nicht Wetter und Routenplanung machen zu müssen, schuf Kapazitäten für geschäftliche Dinge. Auch konnten wunde Stellen am Körper abheilen, sodass das Sitzen beim Losrellen sich wieder einigermaßen akzeptabel anfühlte. Allerdings fühlte sich mein Körper leicht kränklich an, was ich auf unzureichende Zufuhr von Vitaminen & Co zurückführte, sodass ich dem ganzen mit einer Vitaminmischung und Magnesium beizukommen versuchte.
Die Etappe aus Paris heraus sollte kurz, aber anspruchsvoll werden. Unzählige Steigungen mit mehr als 15 % waren zu bewältigen und so zeigten die gefahrenen Höhenmeter an diesem Tag deutlich Richtung 1000 – also fast genauso viel, wie auf der mit 30 km längeren Tour am Tag vor Paris.
Wettertechnisch war es kalt, wie schon die gesamte Tour über. Morgens nicht mehr als 5°, über den Tag dann etwas mehr als 10°. Das ist sehr ermüdend, weil man so keine wirklichen Pausen machen kann, ohne sehr schnell auszukühlen. Also heißt es immer weiter trampeln und nur kurze Offs zu nehmen.
Die Tour selbst führte, von heftigen Steigungen abgesehen, visuell reizvoll aus Paris heraus, über bestens asphaltierte Radwege, durch tolle Landschaft. Fernradwege straight Süd sind rar gesät und so muss man sich weitestgehend selbst navigieren. Da bleibt es nicht aus, auch fernab offzieller Radwege zu fahren und auch mehrere Kilometer über Felder, Wiesen und Wälder sind zu bewältigen. Gerade diese Abschnitte sind sehr anstrengend und herausfordernd, da man nie so genau weiß, ob man dort rauskommt, wo man beabsichtigt, desweiteren kommt man auf diesen Untergründen nur sehr langsam voran.
Im weiteren Verlauf zog Regen auf und machte diese Etappe mit Süd-Westwind zusätzlich anstrengend.
Als ich nach 77 km am Zielort des Tages ankam, war ich doch ziemlich müde und erschöpft – ein Zeichen dafür, dass das Profil sehr herausfordernd war und die Anzahl gefahrener Gesamtkilometer zunehmend Spuren hinterlassen.
Was uns morgen erwartet
Morgen geht es weiter selbstnavigiert querfeldein. Ich muss irgendwie zur Loire gelangen, um dort für zwei Tage dem bekannten Loire Radweg zu folgen. Das Wetter wird ok, der Wind dreht allerdings, sodass ich vermutlich die kommenden Tage viel Gegenwind haben werde.
Tag 10 (Mondésir → Beaugency | 99 km): Langsam aber sicher werden die Beine müde.
Gedanke des Tages: Die nächsten Tage werden hart.
Wissenswertes zur heutigen Etappe
Mondésir – Pithiviers – Orléans – Meung-sur-Loire – Beaugency
Heute trifft die Route auf zwei der großen Erzählungen Frankreichs: Jeanne d’Arc und die Loire. Orléans, die erste größere Stadt des Tages, trägt den Namen der Jungfrau von Orléans wie ein Heiligtum: Im Jahr 1429 durchbrach Jeanne d’Arc die englische Belagerung der Stadt und wendete damit den Lauf des Hundertjährigen Krieges. Ihre Statue dominiert noch heute den zentralen Platz. Die gotische Kathedrale Sainte-Croix, von Generationen von Königen erbaut und zerstört und wieder erbaut, ist von majestätischer Wucht.
Hinter Orléans beginnt offiziell die Loire à Vélo — einer der bekanntesten Fernradwege Europas, der 900 Kilometer dem Königsfluss folgt, vorbei an Schlössern, Weingütern und Flussinseln mit weißem Sand. Meung-sur-Loire, das nächste Etappenörtchen, hat sein eigenes Schloss, das im Laufe der Jahrhunderte sowohl Königsresidenz als auch bischöfliches Gefängnis war.
Beaugency, das Tagesziel, ist ein mittelalterliches Bilderbuch. Der romanische Donjon, einer der ältesten erhaltenen Bergfriede Frankreichs, ragt über der Loire auf. Die mittelalterliche Steinbrücke und die Altstadt dahinter wirken wie aus einer anderen Zeit gefallen — hier endet ein langer Tag auf dem schönsten möglichen Abschluss.
Heutige Impressionen und Erlebnisse
Nach dem Aufstehen empfing mich der Morgen bittersüß – wunderschönes Licht, sanfte Sonnenstrahlen, die sich durch die dichten Baumwipfel kämpften – gleichzeitig aber mit 3° C bitterkalt. Eigentlich hatte ich mir gewünscht, die komplette Tour in kurz-kurz zu fahren. Außer an Tag 3, blieb mir das jedoch bislang verwährt.
Die heutige Etappe hatte knapp 100 km und hielt vor allem zu Beginn einige heftige Steigungen bereit. Im weiteren Verlauf fuhr ich Kilometer um Kilometer durch das französische Hinterland. Felder, Wiesen, Äcker, so weit das Auge reicht. Alle 5 km ein winziges Dörfchen, man trifft so gut wie keine Menschen. Eine willkommene Abwechslung nach der turbulenten Zeit in und um Paris.
Ziel des heutigen Tages war Beaugency an der Loire. Ein wunderschönes kleines Städtchen, das jeglichem Klischee über Frankreich entspricht. Um dorthin zu gelangen, stand zunächst aber das Erreichen von Orleans auf dem Programm. Ab dort fahre ich auch die nächsten Tage auf dem Liore Radweg, weltbekannt und durchaus abwechslungsreich. Für meinen Geschmack liegt er jedoch zu weit vom Ufer entfernt und die Bodenbeschaffenheit besteht zu erheblichen Kilometern aus Schotter, was wiederum nur gemächliches Radwandern zulässt.
Aber ich freue mich, die nächsten zwei Tage nicht selbst navigieren zu müssen und mich darauf beschränken zu können, den Schildern „hinterherzufahren“.
Körperlich machen sich nun vermehrt Belastungserscheinungen bemerkbar. Die in Paris gekauften Vitamine/Magnesium scheinen mir zwar gut zu bekommen, aber die in Belgien „rausgefahrenen“ 2 Tage führen vermehrt zu erheblicher Erschöpfung und Müdigkeit. Auch die letzten Etappen waren extrem profiliert, sodass ich einige Kraftreserven anzapfen musste. Morgens steige ich zwar immer aureichend erholt auf’s Rad, ich spüre aber, dass ich gesamtkonstitutionell gesehen auf die Seite abnehmender Leistungsfähigkeit gelange. Mal schauen, ob es nur vorübergehend, oder dauerhaft ist.
Morgen mache ich die 1100 km am 11. Tag auf dem Rad voll.
Dem Loire Radweg folgend lautet das Tagesziel Tours.
Tag 11 (Beaugency → Tours | 95 km): 1.000 km – ✅
Gedanke des Tages: Einfach fahren, immer weiter!
Wissenswertes zur heutigen Etappe
Beaugency – Blois – Chaumont-sur-Loire – Amboise – Vouvray – Tours
Wenn es eine Etappe gibt, die man am liebsten dreimal fahren würde, dann diese (aber nur bei schönem Wetter…!).
Das Loire-Tal zwischen Sully-sur-Loire und Chalonnes ist UNESCO-Weltkulturerbe — und wer hier Rad fährt, begreift warum. Schloss folgt auf Schloss wie Perlen auf einer Kette.
Blois begrüßt mit einem Stadtschloss, das vier Jahrhunderte Architekturgeschichte in einem einzigen Gebäude vereint: gotisch, frühfranzösisch-Renaissance, klassizistisch, barock — als hätte jede Epoche ihren Stempel hinterlassen wollen. Chaumont-sur-Loire thront auf einem Felsen hoch über dem Fluss, sein Château spiegelt sich in der Loire und scheint aus ihr herauszuwachsen.
Amboise ist das emotionale Zentrum des Tages: Hoch oben das Königsschloss der Valois-Könige, unten im Städtchen das Château du Clos Lucé — das letzte Zuhause von Leonardo da Vinci. Der toskanische Universalgeist lebte hier auf Einladung von König Franz I. und starb 1519 in diesen Räumen, die seine Entwürfe noch heute zeigen. Was für eine Adresse für den letzten Lebensabend.
Die Weinregion Vouvray grüßt kurz vor Tours mit Tuffsteinkellern und Chenin-Blanc-Weinen, die in den Höhlen jahrhundertelang reifen. Tours selbst, eine lebhafte Universitätsstadt an Vienne und Loire, empfängt mit dem Flair südlicher Leichtigkeit.
Heutige Impressionen und Erlebnisse
Heute hieß es: durchbeißen, genau wie die nächsten Tage.
Das Wetter ist bescheiden vorhergesagt, immer wieder kräftige Schauer, grau-in-grau, starker Gegenwind und insgesamt so kühl, dass die „Pausen“ nicht länger als 5 Minuten sein können.
Heute werde ich nicht viel berichten. Ein Tag, an dem es einfach heißt: Visier runter und kämpfen, durchbeißen.
Der 1.000 km ist geschafft, aber das merke ich auch. Waden und Oberschenkel sind tiefenmüde, die Psyche hat zu kämpfen. Die Übergänge zwischen Bein-Po-Leisten sind wund, nach 25 km tut das Sitzen bereits weh. Der Regen tut sein übriges und klar, der Gedanke kommt auf: warum um alles in der Welt tut man sich das an?
Weil in drei, oder vier Tagen, wenn ich den Atlantik erreiche, das Wetter wunderschön wird. Weil ich dann mit meinen Reifen bis ins Meer fahren, die Klamotten runterreißen und mich von den Wellen an den Strand tragen lassen kann. Weil ich dann diesen wunderschönen, unverwechselbaren Geruch der „Landes“ einatmen werde – weil erst das Leid(en) die Möglichkeit schafft, tiefstes Glück zu empfinden. Natürlich, alles ist darauf ausgelegt – sollte ich in vier Tagen schlechtes Wetter bei Ankunft am Atlantik haben, ist alles umsonst gewesen – so ist das… halt.
Kurz noch zur heutigen Etappe:
von Beaugency ging es auf dem Loire-Radweg bis nach Tours. Wie gestern bereits erwähnt, werde ich mit diesem Radweg irgendwie nicht warm und da ich bereits im letzten Jahr das komplette Stück gefahren bin, habe ich dieses Mal ein kleines Experiment gewagt und bin nur bis km 54 auf dem Loire Radweg gefahren.
Bei Le Bourg Saint-Martin bin ich über die Brücke und fernab des Loire-Radwegs auf der rechten Seite der Loire immer durchs Hinterland der Loire gefahren.
Das hat super funktioniert. Tolle, kleine „D“-Straßen (Landstraßen), super Beschaffenheit (asphaltiert = zügig), so gut wie kein Verkehr und um einige km kürzer, als der Loire-Tal-Radweg.
Es lief wunderbar, bis ich an eines „meiner“ meistverhaßten Schilder kam: Route Barrée – Straße gesperrt. Keine Umleitung, mitten im Nichts. Links Fluss, rechts Weinberge, ohne Wege, Straßen etc.
Also alles zurückfahren und irgendwo eine Route ohne Straßen finden. Es ging nicht anders, 70 Höhenmeter auf knapp 2 km ging es hoch, um später mit 10% Gefälle wieder den Berg runterzurasen. Meine Beine sind für solche Spielchen inzwischen zu müde… – 7 km hat mich der ganze Spaß gekostet.
Kurz vor dem Ziel durfte ich noch ein Gewitter durchfahren und mein Regencape Hochleistungen verbringen. Alles in Allem: ein Tag zum Vergessen, aber es geht weiter, immer weiter!
Was uns morgen erwartet
Morgen geht es von Tours nach Châtellerault. Immer auf dem Eurovélo 3, wird das nicht gerade ein Leckerbissen – denn es geht km um km auf verschiedenen D-Straßen, mit gar nicht mal so wenig Verkehr. Was das mit einem Fernradweg zu tun haben soll, hat sich mir schon letztes Jahr nicht erschlossen… Wetter wird auch schlecht… ⛈️
Tag 12 (Tours → Châtellerault | 100 km): Wieder auf dem Eurovélo 3
Gedanke des Tages: So kann man sich täuschen
Wissenswertes zur heutigen Etappe
Tours – Sainte-Maure-de-Touraine – Descartes – Dangé-Saint-Romain – Châtellerault – Antran – Naintré – Poitiers
Die Loire liegt hinter mir — heute führt die Route in die Vienne, dem Fluss entlang ins Poitou. Sainte-Maure-de-Touraine mag klein sein, aber sein Ruhm reicht weit: der gleichnamige Ziegenfrischkäse mit der Strohhalm-Seele, ein AOC-Klassiker der Touraine, der in jeder besseren Fromagerie Frankreichs zu finden ist.
Descartes, früher Blois-de-la-Rivière, wurde 1967 in Erinnerung an seinen berühmtesten Sohn umbenannt: René Descartes, Philosoph und Mathematiker, wurde hier 1596 geboren. „Cogito ergo sum“ — ich denke, also bin ich. Wer hier durchfährt, darf kurz innehalten und denken. Châtellerault, die nächste größere Stadt an der Vienne, war über Jahrhunderte das Zentrum der französischen Waffenmanufaktur — Klingen, Gewehre, Säbel — und hat im Zweiten Weltkrieg schwer gelitten. Heute schlägt das Herz der Stadt ruhiger, die Vienne fließt träge unter der alten Brücke.
Poitiers, das Tagesziel, ist eine Stadt der Schichten. Das frühchristliche Baptisterium Saint-Jean, erbaut im 4. Jahrhundert, gilt als das älteste erhaltene christliche Gebäude Frankreichs überhaupt. Die romanische Kirche Notre-Dame-la-Grande mit ihrer Fassade aus gemeißelten Figuren und Szenen ist ein Meisterwerk der romanischen Kunst, das man eigentlich nur stumm betrachten kann. Und dann ist da noch die Geschichte: Im Jahr 732 hielt Karl Martell bei Poitiers das arabische Heer auf — ein Datum, das in Schulbüchern weltweit steht.
Heutige Impressionen und Erlebnisse
Die heutige Tour verlief so ganz anders als erwartet. Zunächst: Regen war angesagt, stattdessen begrüßte mich die Sonne und es war warm genug, zumindest untenrum in kurz zu fahren. Welch ein wohliges Gefühl. Zum zweiten musste ich die Etappe aufgrund der Hotelverfügbarkeit umplanen – statt nach Poitiers, ging es nur bis nach Châtellerault. Und zum dritten: ich hatte aufgrund der Erfahrung im letzten Jahr mit einem gruseligen Tag auf dem Rad gerechnet, stattdessen – viel, viel besser, als gedacht.
Meine Müdigkeit und Schlappheit von gestern waren wie weggeblasen.
Von Beginn an habe ich kraftvoll in die Pedalen treten können und hatte auch bei Erreichen des Etappenziels noch ordentlich Power. Meine Befürchtung, krank zu werden, hat sich nicht bewahrheitet, stattdessen fühle ich mich wieder stark und mental fit.
Die Tour selbst hatte durchaus anspruchsvolle Passagen. Zunächst hieß es, irgendwie aus Tours herauszunavigieren. Riesige Kreisel, Autobahnen, Nationalstraßen und Brücken, die für Fahrräder nicht passierbar sind, mussten umfahren werden. Es hat einige Mühe gekostet, den Einstieg in den Eurovélo zu finden. Einmal dort angelangt, gelang es mir jedoch, gutes Tempo zu fahren und zügig vorwärts zu kommen. Auch die Streckte selbst fand ich, abweichend zum letzten Jahr, toll zu fahren. Ich kann es mir nur so erklären, dass der Wind, der dieses Jahr lediglich von „schräg-vorne“ kam, mir die entscheidenden Körner eben nicht so entzog – anders, als im letzten Jahr, als ich mich nahezu vollständig gegen 50 km/h Gegenwind stemmen musste.
Und so kam ich guter Dinge und mit ordentlich Reserven in den Beinen in Châtellerault an. Natürlich musste 10 km vor dem Ziel noch ein heftiger Schauer niedergehen, aber das tat meiner guten Laune keinen Abbruch. Zufrieden habe ich mein Fahrrad ins Bett gebracht.
Was uns morgen erwartet
Morgen stehen 105 körperlich und emotional anstrengende Kilometer nach Melle an. Erinnerungen ans letzte Jahr werden wach, in denen ich mich mit fast letzter Kraft zum Hotel geschleppt hatte. Ich fühle mich dieses Jahr besser trainiert, denke aber auch, dass mir die zwei „eingesparten“ Tage zu Beginn der Tour in den Knochen stecken. Daher bin ich gespannt, was Beine und Psyche mir morgen mitzuteilen haben.
In jedem Fall bin ich etwas aufgeregt – die letzte Etappe, bevor es übermorgen an den Atlantik geht. Wow!
Tag 13 (Châtellerault → Melle | 105 km): Poitiers – Pforte zum Süden mutiert zur Pforte der Hölle
Gedanke des Tages: Wenn du denkst es geht nicht mehr – geht es nicht mehr!
Wissenswertes zur heutigen Etappe
Poitiers – Vivonne – Saint-Sauvant – Brioux-sur-Boutonne – Melle
Ein ruhiger, überschaubarer Tag durch das Herz des Poitou — grüne Bocage-Landschaft, weitgehend flach, wenig Verkehr. Nach dem Großstadtlärm von Poitiers öffnet sich das Deux-Sèvres-Hinterland wie ein Atemzug. Vivonne und Saint-Sauvant sind Dörfer, die die Zeit vergessen zu haben scheinen — Kirchplätze mit Platanen, Bäckereien mit beschlagenen Scheiben, Männer beim Boule.
Brioux-sur-Boutonne liegt im Tal der Boutonne, dem kleinen Fluss, der sich gemächlich durch Wiesen und Weiden schlängelt. Das Poitou ist Ziegenkäseland par excellence — hier wird der berühmte Chabichou du Poitou produziert, ein weiterer AOC-Käse, den man am Abend in Melle unbedingt verkosten sollte.
Melle, das Tagesziel, ist ein verborgenes Juwel der Weltgeschichte. Im 9. Jahrhundert war diese Kleinstadt das bedeutendste Silberbergbauzentrum des Frankenreichs — der einzige Münzort Aquitaniens unter Karl dem Großen. Das Silber aus den Bergwerken von Melle war der Rohstoff für den karolingischen Silberpfennig, die erste gemeinsame Währung Europas. Die Bergwerke sind bis heute begehbar — sie gelten als die ältesten zugänglichen Silberminen der Welt. Drei romanische Kirchen aus dem 11. und 12. Jahrhundert vervollständigen das Bild: Melle ist klein, aber mit einer Geschichte, die größer kaum sein könnte.
Heutige Impressionen und Erlebnisse
Pfui – ein Tag zum Abgewöhnen. Wetter, Berge, Wind, heute war alles gegen mich und mein Fahrrad.
Die heutige Etappe verlief nicht mehr ausschließlich südlich, sondern eher südwestlich. Und natürlich hatte der Wind nichts Besseres zu tun, als mitzudrehen und merklich aufzufrischen, sodass ich über die gesamte Distanz starken Gegenwind hatte. Die letzten 2 Stunden bin ich bei Starkregen gefahren und kam nass bis auf die nicht vorhandene Unterhose an. Vollkommen ausgekühlt.
Ab Kilometer 1 ging es bergauf und das sollte sich bis km 105 auch nicht mehr ändern. Das Höhenprofil zeigt es: sehr viele heftige und auch sehr lange Steigungen über mehrere Kilometer. Gerade der Berg vom Bahnhof in Poitiers hoch hat es in sich – auf einer Distanz von 10 km immer wieder Anstiege mit mehr als 10% und das alles mit Beinen, die nach 1200 km eh schon müde sind und mental läuft man auch nicht mehr wie frisch geölt.
Egal, Mund abputzen, weitermachen. Vor allem ist mir bewusst geworden, wie „gut“ ich es auf dem Fahrrad habe. Meine Strecke führt schon seit mehreren 100 km immer wieder auf dem Jakobsweg entlang und auf der heutigen Etappe sind mir einige Wanderer begegnet – die armen Teufel bekommen meinen höchsten Respekt. Ich kann mir keine Situation vorstellen, in der ich selbiges im Stand zu leisten wäre – ich komme mir auf dem Fahrrad schon langsam vor und das Bild vor einem wandelt sich bei 17 – 20 km/h nur sehr gemächlich – wie gruselig muss das zu Fuß sein? Diese Menschen werden ihre ganz persönlichen Gründe haben, diesen Weg auf diese Weise zu gehen und gewählt zu haben…
Es bleibt also dabei – meine persönliche „Pforte zum Süden“, Poitiers, bleibt die Pforte zur Hölle – naja, ganz so schlimm nicht. Ich bin ziemlich erschöpft heute, ja, aber ich spüre auch, dass ich morgen wieder bereit sein werde, auf’s Rad zu steigen. Nur der Nerv, Fotos zu machen, der fehlt mehr und mehr – nur noch ankommen zählt jetzt!
Was uns morgen erwartet
Morgen ist es soweit – ich werde mich aufmachen, um nach einem anstrengenden Tag mit meinen Reifen den wundervollen Atlantik zu küssen. Ich kann es kaum erwarten!!
Die Wettervorhersage sieht gut aus – mit etwas Glück wird die Sonne passend zu meiner Ankunft über die Wellenkämme glitzern und mein Herz wohlig warm dahinschmelzen lassen.
Vorher heißt es aber: Trampeln, was das Zeug hält!
Tag 14 (Melle → Royan | 115 km): Ein perfekter Tag – Mission Accomplished – nach 1300 km bin ich am Atlantik!
Gedanke des Tages: Nur Tal und Aufstieg führen zum Hoch!
Wissenswertes zur heutigen Etappe
Melle – Saint-Jean-d’Angély – Saintes – Corme-Royal – Médis – Saint-Georges-de-Didonne – Royan
Heute erreicht die Route den Atlantik — oder fast. Saint-Jean-d’Angély, eine Jakobsweg-Pilgerstation, besitzt eine Abteikirche, die so riesig begonnen und nie vollendet wurde, dass sie bis heute wie eine steinerne Ruine der Ambition wirkt: groß, würdevoll, unfertig.
Saintes ist ein Pflichtbesuch: Die Stadt war in der Antike die Hauptstadt der römischen Provinz Gallia Aquitania und hat ihre Geschichte wie kaum eine andere Stadt in Frankreich bewahrt. Das Amphitheater aus dem 1. Jahrhundert, der Bogen des Germanicus, die frühchristliche Abtei Abbaye aux Dames — hier ist jeder Kilometer ein Gang durch zweitausend Jahre europäischer Geschichte. Saintes liegt im Cognac-Hinterland; wer die Nase in den Wind hält, meint den Geruch von reifendem Branntwein zu spüren.
Royan, das Tagesziel, ist ein Ort mit zwei Gesichtern: die Kulisse eines eleganten atlantischen Badeorts und die Geschichte einer der brutalsten Bombenkatastrophen des Zweiten Weltkriegs. 1945 wurde die Stadt durch alliierte Luftangriffe fast völlig zerstört. Was danach entstand, ist heute denkmalgeschützt: eine futuristische Modellstadt der 1950er Jahre, deren Betonkirche Notre-Dame de Royan von dem Architekten Guillaume Gillet als Meisterwerk des Brutalismus gilt. Nicht schön im konventionellen Sinn — aber ehrlich und unvergesslich.
Heutige Impressionen und Erlebnisse
Was für ein Tag – perfekt beschreibt nicht annähernd, was ich heute erlebt habe. Es sind genau diese Momente, für die es sich lohnt, zu leiden, zu zweifeln und sich jeden Morgen zu fragen, warum man sich all das antut.
Nachdem ich gestern einen wirklich sehr schlechten Tag und Tiefpunkt hatte, mit müden Beinen und auch mental nicht auf der Höhe war, kam heute alles Wundervolle zusammen.
Der Tag begrüßte mich zwar mit Nebel, aber schon früh lugte immer wieder die Sonne zaghaft durch die dünne Nebelschicht und erschuf eine unfassbar mystische Atmosphäre. 115, sehr profilierte und wellige km standen auf dem Programm, aber schon am ersten Berg merkte ich, dass ich heute aus dem Vollen würde schöpfen können. Erheblicher Gegenwind, knapp 1000 HM, teilweise schlechte Bodenbeschaffenheit, nichts konnte mich heute davon abbringen, zügig durchzutreten und dem Atlantik Umdrehung um Umdrehung näher zu kommen.
Im Laufe des Tages kämpfte sich die Sonne immer mehr durch und nach guten zwei Stunden war es endlich so weit – ich riss mir die Jacke vom Leib, streifte mein kurzes Fahrradtrikot über, Kopfhörer in die Ohren und schon konnte ich noch einmal 2, 3 km/h drauflegen! 💪🏻
Die Sonne im Herzen druchpflügte ich förmlich die Landschaft. Beim Überfahren der Département-Grenze „Charente-Maritime“ machte mein Herz einen Satz und ich kam aus dem Grinsen nicht mehr raus. Zeitgleich hatte ich den höchsten Punkt der umliegenden Weinberge erklommen und es geschah etwas Magisches: links und rechts einer „Allee“, eingerahmt durch genannte Weinberge, empfingen mich hunderte weiße Schmetterlinge. Und während ich diese Allee durchfuhr, Paradise von Coldplay meine Sinne durchflutete, machten sich immer mehr dieser wunderschönen Zweiflügler auf den Weg, mich ein Stück zu begleiten. Einer der Schmetterlinge löste sich aus der Gruppe, folgte mir eine ganze Zeit und als ich schließlich anhielt, landete er nach einigem scheinbar ziellosen Umherfliegen auf meinem Arm und kam dort zur Ruhe…
Ein perfekter Tag – so viele Irrungen und Wirrungen waren notwendig, um diesen wundervollen Moment zu genießen. 1300 km musste ich fahren – und erst auf den letzten km erblickte ich vor mir glitzernd den Ozean – Mission Accomplished – ich bin am Atlantik!
Was uns morgen erwartet
Morgen ist Ruhetag – besser gesagt, Arbeitstag.
Nichtsdestotrotz werde ich es mir nicht nehmen lassen, ins Meer zu springen und die erste Welle zu (body-) surfen.
Tag 16 (Royan → Arcachon | 125 km): Heimat!
Gedanke des Tages: Alles eine Frage der Perspektive…
Wissenswertes zur heutigen Etappe
Royan (Fähre) – Soulac-sur-Mer – Vendays-Montalivet – Hourtin-Plage – Lacanau-Océan – Lège-Cap-Ferret – Arcachon
Mit der Fähre über die Gironde beginnt die letzte große Etappe vor dem Ziel — und was für eine. Die Vélodyssée (EuroVelo 1) ist der längste Radweg Frankreichs: 1.250 Kilometer der Atlantikküste entlang, von der Gironde bis nach Irún an der spanischen Grenze. Du bist auf einem der großen Fernradwege Europas angekommen.
Soulac-sur-Mer, erster Halt auf der Médoc-Halbinsel, war einst eine bedeutende Station des Jakobswegs — und versinkt buchstäblich im Atlantik. Teile der historischen Altstadt wurden bereits vom Meer verschluckt, die Basilika Notre-Dame-de-la-Fin-des-Terres steht meterhoch unter dem Dunenniveau. Danach: Stille. Endlose Pinienstrände, kaum Ortschaften, der Ozean immer auf der Rechten. Hourtin liegt am Lac d’Hourtin — dem größten natürlichen Süßwassersee Frankreichs mit 6.000 Hektar. Lacanau ist Frankreichs Surf-Mekka, wo Wellen und Holzplanken die Sprache der Küste sprechen.
Die Überfahrt auf die Halbinsel Lège-Cap-Ferret führt in eine andere Stille: schmaler Sandstreifen, Atlantik auf der einen, das Bassin d’Arcachon auf der anderen Seite. Arcachon, mit seinem viktorianischen „Winterviertel“ zwischen Pinien und dem milden Atlantikklima, ist ein würdiges Ziel.
Heutige Impressionen und Erlebnisse
Radtag 14, und es stand mächtig Programm auf dem Programm 🙂
Zwei Fährüberfahrten waren angesagt – die eine von Royan aufs Médoc und dann am Abend nach von Cap Ferret nach Arcachon. Ach ja, und Radeln bei 35° C galt es ebenfalls zu bewältigen.
Nach vielen, vielen Tagen der Kälte war mir der Wettergott also weiterhin wohlgesonnen. Okay, ob es nun direkt mehr brauchte, sei dahingestellt, aber ich bin mit dem Wetterumschwung gut zurechtgekommen. Überhaupt befand ich mich weiterhin in einer absoluten Hochphase. Endlich auf meinem geliebten EuroVelo 1 angekommen, habe ich einfach laufen lassen. Bestens asphaltierte Radwege lassen zügige Geschwindigkeiten zu. Wundervolle Orte reihen sich aneinander, die unfassbare Dünenlandschaft ist eine Augenweide, der Sprung in die eindrucksvolle Brandung immer nur einen Steinwurf entfernt.
Durch endlose Pinienwälder fahrend, die Sonne als ständiger Begleiter, wird das Herz leicht und die Laune hebt sich mit jedem Meter, den die Räder gen Süden steuern. Spannende Begegnungen inklusive. Der EV1 führt nicht nur durch die schönsten Landschaften Frankreichs, er führt auch noch an riesigen Naturistenarealen vorbei. Montalivet, Euronat und La Jenny sind über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Schon im letzten Jahr war ich etwas verwundert, als mir relativ unvermittelt ein nackter Mann mitten im Wald auf dem EV1 begegnete. Im ersten Moment vermutete ich noch „ein Versehen“, bis mir später eine ganze Familie unbekleidet entgegenkam, freundlich und mit festem Blick grüßte und ihrer Wege ging. Später fand ich heraus, dass der EV1 direkt am Areal eines Naturistencamps vorbeiführt und Gäste des Campingplatzes den EV1 kreuzen, um zum Strand zu gelangen. Dabei machen sich nur die wenigsten die Mühe, ihre Nacktheit zu verbergen, sondern genießen vollkommen unaufgeregt und im Einklang mit der Natur und den vorbeifahrenden Radlern ihre Lebensweise.
Schön zu sehen, dass die reine Akzeptanz „andersartiger“ Lebenskonzepte ein Miteinander ermöglicht – vielleicht braucht es gar nicht die fortwährende Belehrung und Bekehrung (vermeintlich!) „Andersdenkender und -lebender“, sondern einfach nur einen respektvollen Umgang und die Bereitschaft, sich nicht ständig über jeden und alles zu echauffieren… In jedem Fall werde ich trotz dieses ja nahezu frivolen Erlebnisses am nächsten Morgen albtraumfrei aufwachen und ich bin sicher, dass auch die Erde sich weiterhin drehen und unbeeindruckt zeigen wird… Ob ich wohl richtig liegen werde?
Neben diesen auf ihre Art und Weise irgendwie lebensnahen und auch nachdenklich machenden Begegnungen war die Tagesetappe trotz der 35° C ein absoluter Hochgenuss. Tatsächlich trifft man hier auch die meisten anderen Fernradler. Manche fahren den kompletten Atlantik hinunter, andere wagen sich bis nach Bilbao in Spanien vor. In jedem Fall herrscht reges Treiben, und man hat immer wieder nette Gespräche mit Gleichgesinnten.
Wer den EV1 ein bisschen abkürzen möchte, für den gibt es folgenden Tipp: Nach Carcans Plage einfach der D6E1 folgen und kurz vor Lacanau Océan wieder auf den EV1 einbiegen. Die D6E1 war zumindest zu meiner Fahrzeit nur sehr wenig befahren, und Rennradfahrer nutzen ebenfalls diese „Abkürzung“.
Etwas aufpassen muss man schließlich, wenn man die Fährüberfahrt nach Arcachon wahrnehmen möchte. Hier ist es wichtig, den richtigen Fähranleger zu finden – die meisten Fährverbindungen finden sich in Bélisaire, nicht in Le Canon…
Schon eindrucksvoll – bereits von Cap Ferret aus sieht man die gegenüberliegende höchste Wanderdüne Europas, die Dune du Pilat. Faszinierend…
Was uns morgen erwartet
Nach der heutigen Fährüberfahrt nach Arcachon geht es morgen weit über 100 km den Ev1 entlang – und, natürlich, der Dune du Pilat ganz, ganz nah… – aber dazu morgen mehr…
Tag 17 (Arcachon → zu Hause| 125 km):Ein letztes Mal…
Gedanke des Tages: Ein bisschen verlängern könnte ich doch noch…
Wissenswertes zur heutigen Etappe
Arcachon – Dune du Pilat – Biscarrosse-Plage – zu Hause 🏠
Der letzte Tag. Mehr als 100 Kilometer bis ans Ziel — und er beginnt mit einem der eindrucksvollsten Ausblicke Europas. Die Dune du Pilat, mit ihren 105 Metern die höchste Wanderdüne des Kontinents, liegt gleich hinter Arcachon. Wer den Sand besteigt — und das sollte man, auch wenn die Beine brennen — sieht auf der einen Seite den Atlantik, auf der anderen den Pinienwald der Landes, der sich unendlich weit nach Süden erstreckt.
Dieser Wald ist kein gewachsener: Das Landes-Forst, mit einer Million Hektar das größte Waldgebiet Westeuropas, wurde im 19. Jahrhundert vom Menschen angelegt, um die Sumpfgebiete zu entwässern und die Dünen zu befestigen. Eine ganze Landschaft als Menschenwerk. Biscarrosse-Plage liegt direkt am Atlantik; Parentis-en-Born war bis in die 1980er Jahre aktives Erdölfördergebiet — der Kontrast zwischen Naturidyll und Industriegeschichte könnte kaum größer sein.
Mimizan, der bedeutendste Badeort der Landes-Küste, liegt am Halbweg. Danach: die beruhigende Eintönigkeit des langen geraden Küstenwegs durch Wald und Dünen, bis schließlich der Zielort erreicht ist. Hier endet die Reise. 1.575 Kilometer. Fünfzehn Radtage. Bielefeld bis an den Atlantik.
Heutige Impressionen und Erlebnisse
Mit vollkommen ambivalenten Gefühlen bestieg ich heute zum letzten Mal mein Rad. Über die vergangenen Wochen sind mein Bike und ich zu einer Einheit geworden, verbunden durch eine fast schon liebevolle Vertrautheit. Jeder Griff sitzt, jedes Geräusch ist vertraut, jede Bewegung selbstverständlich. Was zunächst nur Fortbewegung war, ist längst zu einer eigenen Form von Heimat geworden.
Wenn man bei Wind und Wetter knapp 1600 km mit dem Fahrrad durch Europa fährt, erlebt man sehr unmittelbar, wie klein man gegenüber Natur, Wetter und Umgebung mitunter ist. Gleichzeitig wächst aus genau dieser Unmittelbarkeit eine tiefe Verbindung zu dem, was einen trägt. Berge, Gegenwind, Kälte, rücksichtslose Verkehrsteilnehmer, gesperrte Straßen, schlechter Belag und die kleinen wie größeren Wehwehchen unterwegs – all das haben wir gemeinsam bewältigt. Mehr als einmal hatte ich das Gefühl, dass mein Bike gerade an den schweren Tagen besonders freundlich zu mir war. Und ich habe im Gegenzug alles dafür getan, dass es technisch unversehrt bis in die Wellen des Atlantiks rollen konnte. Bis zum letzten Meter war Verlass aufeinander. So war es auch heute.
Ein letztes Mal ging es über mehr als 100 km entlang meines Lieblingsradwegs, dem EuroVelo 1, oder La Vélodyssée, wie die Franzosen sagen. Von Arcachon aus führte mich die Route weiter südwärts, und schon bald wartete mit der Dune du Pilat der landschaftliche Höhepunkt dieser Etappe. Bereits ab Arcachon wird die Strecke welliger, ehe eine Folge kurzer, teils steiler Anstiege zum Fuß der Düne führt. Direkt an der Straße gelegen, eröffnet sich dort eine eindrucksvolle Kulisse, die zu Fotos geradezu einlädt. Gleichzeitig ist Aufmerksamkeit gefragt, denn auf diesem Abschnitt herrscht reger Verkehr, und gerade E-Bikes wie Rennradfahrer sind mit entsprechendem Tempo unterwegs.
Nach 1450 km sind die Beine inzwischen stark genug, um auch mit vollbepacktem Rad den einen oder anderen Rennradfahrer bergauf nicht einfach ziehen lassen zu müssen. Es ist schon amüsant zu beobachten, wie manche zunächst irritiert und dann zunehmend respektvoll nach dem vermeintlichen E-Akku am Rahmen suchen, bevor sie mir anerkennend den Daumen zeigen. Genau solche Augenblicke machen eine Tour wie diese so besonders. Eben noch begegnet man sich als spielerische Konkurrenten, wenig später fährt man einige Kilometer gemeinsam und spricht ganz selbstverständlich darüber, woher man kommt, wohin man unterwegs ist und welche anderen Routen ebenfalls lohnenswert sind.
Es sind aber nicht nur diese sportlichen Momente, die bleiben. Tief im Wald war ich an einer Stelle kurz unsicher, ob ich geradeaus oder links fahren musste. In diesem Moment kam ein Jeep mit einem Förster um die Ecke, und ich fragte ihn nach dem Weg. Im Scherz sagte er: „Nach San Sebastián immer geradeaus, 250 km.“ Er sagte es mit genau jenem Grinsen, das nahelegt, dass er mir diese Distanz nicht mehr zutraute. Als ich ihm dann erzählte, dass das kaum noch weit sei und ich bereits rund 1400 km hinter mir hätte, wurde er schlagartig still und fuhr zügig weiter. Auch solche kleinen Begegnungen gehören zu den Geschichten, die eine Reise am Ende unvergesslich machen.
Fast noch mehr werde ich allerdings die Begegnungen mit den Kindern vermissen. Kurz vor Pfingsten scheinen viele Schulklassen unterwegs zu sein, und es ist schön zu sehen, mit welcher Selbstverständlichkeit dort Respekt und Freundlichkeit gelebt werden. Fährt man an einer Gruppe von 30 Kindern vorbei, bekommt man nicht selten 30 lächelnde Gesichter und ein neugieriges „Bonjour“ entgegengerufen. Man grüßt zurück, beinahe automatisch und doch jedes Mal mit echter Freude. Es sind stille, kostbare Momente wie diese, die sich tief einprägen.
Und so habe ich heute zwar noch einmal kräftig in die Pedale getreten und jeden einzelnen Kilometer genossen, zugleich aber alles darangesetzt, nicht zu früh ankommen zu müssen. Hier noch eine Pause am See, dort noch ein kleiner Umweg, und hinter der nächsten Kurve könnte ja ebenfalls noch etwas Sehenswertes warten. Doch irgendwann rückte der Abend näher, und all die kleinen Versuche, diese Reise noch ein wenig länger festzuhalten, waren ausgeschöpft. Ich war am Ziel angekommen.
Was uns morgen erwartet
Leere.
Epilog: Bye, bye 👋🏻
Letzte Gedanken
Epilog: Zwei Wochen danach
Gute zwei Wochen sind nun vergangen, seit ich mit „Cubi“ nach 1.575 km an meinem Zielort in Südfrankreich am Atlantik angekommen bin. Zeit, das Ganze letztmalig Revue passieren zu lassen und abzuschließen.
Zunächst einmal: mein Ziel, im Vergleich zum letzten Jahr zwei Tage weniger auf dem Rad zu sitzen, habe ich erreicht. Statt im Schnitt 95 km bin ich dieses Jahr 105 km pro Tag gefahren. 15 Radtage, 17 Tage insgesamt. 2 Tage Pause (Paris/Royan), um Projektarbeit zu erledigen, sowie Wäsche zu waschen und Anderes zu „erledigen“.
Noch vor der ersten Radumdrehung dieser Reise hatte ich mich gefragt, wie es sich wohl anfühlen würde, dieses Abenteuer zu wiederholen. Auch nach zwei Wochen in mich fühlen, kann ich das nicht abschließend beantworten. Auf der einen Seite war es genau das Abenteuer, das ich mir erhofft hatte. Leid(en) und unfassbares Glück lagen zeitweise nur wenige Momente auseinander, während der ganz große Stolz über die eigene Leistung nicht so recht aufkommen wollte und will. Ja, klar, ich war zwei Tage schneller und habe mich allein deswegen schon beachtlich herausgefordert. Auf der anderen Seite: dass ich es schaffen würde, hatte ich mir bereits im letzten Jahr bewiesen, war das nun wirklich eine so große Herausforderung? In gewisser Weise schon, denn mir ist bewusst geworden, dass zwar die körperliche Anstrengung in etwa ähnlich war, wie im letzten Jahr, aber dass es in diesem Jahr viel mehr mentale Stärke benötigte. Im letzten Jahr wurde ich auch dadurch angetrieben, dass man Freunden und Bekannten doch recht stolz eröffnet hatte, dass man mit dem Rad an den Atlantik fahren wolle – und dann musste auch geliefert werden. Diesen „Druck“ hatte ich in diesem Jahr nicht und musste mich dennoch motivieren und disziplinieren, den ursprünglich gefassten Plan so nun auch wirklich umzusetzen.
Wenn ich jetzt, mit zwei Wochen Abstand, die 15 Radtage einzeln noch einmal durchgehe, dann ergibt sich das Bild, das sich bei solchen Touren immer ergibt: kein Tag wie der andere, kein Tief ohne ein Hoch dahinter. Tag 3 – Neukirchen-Vluyn nach Genk – bleibt mir als der schönste Tag der gesamten Tour in Erinnerung. Zwei Grenzen, strahlende Sonne, 25° und 112 km mit Rückenwind, der einfach nur schiebt. Der abgesenkte Betonkanal mitten durch den See, Schwäne auf Augenhöhe rechts und links – wer so etwas erlebt, versteht, warum man sich für so eine Tour entscheidet. Tag 14 wiederum – von Melle nach Royan – war die emotionale Antithese zu allem Schlechten davor. Dieser mystische Nebelmorgen, der sich Kilometer für Kilometer in Sonne auflöste, bis ich bei der Département-Grenze Charente-Maritime so etwas wie reines, unverfälschtes Glück gespürt habe. Und dann die Schmetterlinge – aber dazu gleich mehr.
Was also waren meine „Finest Moments“ und absoluten „Downers“?
Downer #5:30 km lang 65 km/h Gegenwind am Canal de l’Ourcq entlang auf dem Weg nach Paris
Downer #4:3 km „Scherbenfahren“ auf dem Weg nach Paris
Downer #3:2 Stunden Regen von unten auf dem Weg nach Melle an Radtag 12
Downer #2:Feueralarm mitten in der Nacht kurz nach 1 Uhr in Paris
Downer #1:Hechtsprung in den Graben, weil ein unzurechnungsfähiger Busfahrer meinte mir zeigen zu müssen, dass Radfahrer auf einer kleinen Landstraße im französischen Nirgendwo nichts zu suchen haben
Finest Moment #5:Nach einem heftigen Gewitter und 5° Außentemperatur im Hotel unerwartet eine Sauna vorzufinden
Finest Moment #4:Die erste Nacht am Atlantik mit geöffneter Balkontür zu schlafen und das beruhigende Rauschen des Meeres zu genießen
Finest Moment #3:Die Begegnungen mit französischen Kindern: immer neugierig, höflich und mit einem Lächeln
Finest Moment #1:Der Moment, in dem sich aus einer Gruppe mehrerer Hundert weißer Schmetterlinge einer löst und auf meinem Arm landet, um auszuruhen
Finest Moment #1:Nach 1.400 km mit nichts an als meiner Haut (Bonjour Tolkien) in Soulac-sur-Mer in den Atlantik zu springen
Drei Dinge, die bleiben
Wenn ich ehrlich bin, nehme ich aus dieser zweiten Tour drei Dinge mit, die sich erst jetzt, mit ein bisschen Abstand, wirklich festigen.
Erstens: Komfort ist relativ. Wer zwei Wochen lang zwischen Sattelschmerz, nassem Trikot und dem nächsten unbekannten Bett pendelt, der versteht, wie wenig es eigentlich braucht. Und wie viel man sich davon zu Hause unnötig zurechtlegt. Ich erinnere mich an Radtag 13 – Châtellerault nach Melle – als ich bei Starkregen, mit müden Beinen und dauerndem Gegenwind völlig ausgekühlt ankam und dennoch wusste: morgen steige ich wieder auf’s Rad. Nicht weil ich musste. Sondern weil ich wollte. Das ist eine Erkenntnis, die man sich so einfach nicht kaufen kann.
Zweitens: Eigene Erwartungen sind der härteste Gegner. Nicht die 65 km/h Gegenwind auf dem Canal de l’Ourcq. Nicht der Hechtsprung. Nicht die Scherbenpiste Richtung Paris. Sondern der Moment, in dem man sich fragt, ob das hier noch eine echte Herausforderung ist – oder „nur“ eine Routine. Tag 11, irgendwo zwischen Beaugency und Tours, war so ein Moment. 1.000 km in den Beinen, Waden tiefenmüde, Psyche kämpft. Und doch – der Gedanke an den Atlantik, an das Eintauchen in die Wellen am Ende, hat mich immer wieder nach vorne getrieben. Das Leid macht das Glück erst möglich. Cliché? Vielleicht. Wahr? Absolut.
Drittens: Manche Momente lassen sich nicht fotografieren. Ein einzelner Schmetterling auf dem Unterarm an der Département-Grenze Charente-Maritime, während Coldplay durch die Ohrhörer läuft. Ein Förster tief im Landes-Wald, der mich mit einem Grinsen in Richtung San Sebastián schickt – und dann schweigt, als er erfährt, dass ich bereits 1.400 km hinter mir habe. Das Gesicht eines Kindes, das fragt, woher man kommt und wohin man fährt – und dann einfach lacht. Diese Bilder brauchen kein Objektiv.
Was kommt?
Keine Spoiler. Aber ich sage so viel: Cubi steht bereits wieder im Keller. Geputzt. Geölt. Und irgendwie erwartungsvoll.
Wer bis hierhin mitgelesen hat – danke. Für die Begleitung, die Nachrichten unterwegs, die Daumen, die ihr gedrückt habt. Es macht einen Unterschied, ob man weiß, dass jemand mitfiebert.
Bis zur nächsten Tour. 🚴♂️







































































































































